Tagebuchaufzeichnungen Reinhold Sieglerschmidt (7), item 19

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 linke Seite 

Grün des Walds und der Wiesen

leuchten. Von ferne winken hö-

here weisse Gipfel. Leider sieht

man in der Stadt wenig von

den Bergen. Pflanzenwelt und Tierwelt

erscheinen durchaus dieselben wie in Deutschland.

Sonntag Nachmittag an der Mün-

dung der Isza in die Theiss. Die

tiefe Friedenstimmung der Land-

schaft hat etwas Lösendes, Befreien-

des. Über den schnell strömen-

den Wassern der Theiss gleiten

Schwalben, Kinder baden. Kühe

weiden auf den Wiesen am flach-

ufrigen Fluss. Weisse Wolken-

türme steigen hinter den grü-

nen Wäldern der Höhen empor.

Ein Mädchen kommt aus den

nahegelegenen Hütten, wäscht

 

 rechtes Blatt 

im Flusse Essgeschirr und sucht

sehr energisch mit mir anzu-

bändeln. Es fehlt eben der hiesi-

gen Bevölkerung jeder Stolz, jede

Würde, alles Herrenhafte. Auch

äusserlich drückt sich das in den

plumpen Körperformen schon

aus.

Abendlicher Besuch der Zigeuner-

hütten nahe der Isza. Das Dach

der Hütte ist teilweise eingefallen.

Der Zigeunervater, eine musku=

löse Gestalt schläft mit völlig

nacktem Oberkörper, obgleich es

frisch ist. Von Zeit zu Zeit greift

er ins schwarze Haar. Die Zigeu-

nermutter stopft sich ihre Pfeife.

Kleine Würmer hocken in den

Ecken. Die grösseren Kinder und

 

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 linke Seite 

Grün des Walds und der Wiesen

leuchten. Von ferne winken hö-

here weisse Gipfel. Leider sieht

man in der Stadt wenig von

den Bergen. Pflanzenwelt und Tierwelt

erscheinen durchaus dieselben wie in Deutschland.

Sonntag Nachmittag an der Mün-

dung der Isza in die Theiss. Die

tiefe Friedenstimmung der Land-

schaft hat etwas Lösendes, Befreien-

des. Über den schnell strömen-

den Wassern der Theiss gleiten

Schwalben, Kinder baden. Kühe

weiden auf den Wiesen am flach-

ufrigen Fluss. Weisse Wolken-

türme steigen hinter den grü-

nen Wäldern der Höhen empor.

Ein Mädchen kommt aus den

nahegelegenen Hütten, wäscht

 

 rechtes Blatt 

im Flusse Essgeschirr und sucht

sehr energisch mit mir anzu-

bändeln. Es fehlt eben der hiesi-

gen Bevölkerung jeder Stolz, jede

Würde, alles Herrenhafte. Auch

äusserlich drückt sich das in den

plumpen Körperformen schon

aus.

Abendlicher Besuch der Zigeuner-

hütten nahe der Isza. Das Dach

der Hütte ist teilweise eingefallen.

Der Zigeunervater, eine musku=

löse Gestalt schläft mit völlig

nacktem Oberkörper, obgleich es

frisch ist. Von Zeit zu Zeit greift

er ins schwarze Haar. Die Zigeu-

nermutter stopft sich ihre Pfeife.

Kleine Würmer hocken in den

Ecken. Die grösseren Kinder und

 


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  • April 30, 2017 13:25:11 Monika Buck

     linke Seite 

    Grün des Walds und der Wiesen

    leuchten. Von ferne winken hö-

    here weisse Gipfel. Leider sieht

    man in der Stadt wenig von

    den Bergen. Pflanzenwelt und Tierwelt

    erscheinen durchaus dieselben wie in Deutschland.

    Sonntag Nachmittag an der Mün-

    dung der Isza in die Theiss. Die

    tiefe Friedenstimmung der Land-

    schaft hat etwas Lösendes, Befreien-

    des. Über den schnell strömen-

    den Wassern der Theiss gleiten

    Schwalben, Kinder baden. Kühe

    weiden auf den Wiesen am flach-

    ufrigen Fluss. Weisse Wolken-

    türme steigen hinter den grü-

    nen Wäldern der Höhen empor.

    Ein Mädchen kommt aus den

    nahegelegenen Hütten, wäscht

     

     rechtes Blatt 

    im Flusse Essgeschirr und sucht

    sehr energisch mit mir anzu-

    bändeln. Es fehlt eben der hiesi-

    gen Bevölkerung jeder Stolz, jede

    Würde, alles Herrenhafte. Auch

    äusserlich drückt sich das in den

    plumpen Körperformen schon

    aus.

    Abendlicher Besuch der Zigeuner-

    hütten nahe der Isza. Das Dach

    der Hütte ist teilweise eingefallen.

    Der Zigeunervater, eine musku=

    löse Gestalt schläft mit völlig

    nacktem Oberkörper, obgleich es

    frisch ist. Von Zeit zu Zeit greift

    er ins schwarze Haar. Die Zigeu-

    nermutter stopft sich ihre Pfeife.

    Kleine Würmer hocken in den

    Ecken. Die grösseren Kinder und

     

  • April 30, 2017 13:23:35 Monika Buck

     linke Seite 

    Grün des Walds und der Wiesen

    leuchten. Von ferne winken hö-

    here weisse Gipfel. Leider sieht

    man in der Stadt wenig von

    den Bergen. Pflanzenwelt und Tierwelt

    erscheinen durchaus dieselben wie in Deutschland.

    Sonntag Nachmittag an der Mün-

    dung der Isza in die Theiss. Die

    tiefe Friedenstimmung der Land-

    schaft hat etwas Lösendes, Befreien-

    des. Über den schnell strömen-

    den Wassern der Theiss gleiten

    Schwalben, Kinder baden. Kühe

    weiden auf den Wiesen am flach-

    ufrigen Fluss. Weisse Wolken-

    türme steigen hinter den grü-

    nen Wäldern der Höhen empor.

    Ein Mädchen kommt aus den

    nahegelegenen Hütten, wäscht


     rechtes Blatt 

    im Flusse Essgeschirr und sucht

    sehr energisch mit mir anzu-

    bändeln. Es fehlt eben der hiesi-

    gen Bevölkerung jeder Stolz, jede

    Würde, alles Herrenhafte. Auch

    äusserlich drückt ich das in den

    plumpen Körperformen schon

    aus.

    Abendlicher Besuch der Zigeuner-

    hütten nahe der Isza. Das Dach

    der Hütte ist teilweise eingefallen.

    Der Zigeunervater, eine musku=

    löse Gestalt schläft mit völlig

    nacktem Oberkörper, obgleich es

    frisch ist. Von Zeit zu Zeit greift

    er ins schwarze Haar. Die Zigeu-

    nermutter stopft sich ihre Pfeife.

    Kleine Würmer hocken in den

    Ecken. Die grösseren Kinder und



Description

Save description
  • 47.927707||23.8976506||

    Marmaros Sziget

Location(s)
  • Document location Marmaros Sziget


ID
843 / 4412
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Jörn Sieglerschmidt
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/



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