Abschrift der Kriegstagebücher von Sergeant Fritz Apsel, item 17

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In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

2.9.17.

Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

immer geschanzt.

3.9.17.

Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

Oberst v. Gottberg die Stellung durch.

4.9.17.

Heute hat der Russe das Gehöft,

in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

Immer Schlag auf Schlag. Nur 2 Gebäude stehen, das andere ist alles

abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

wollte.

5.9.17.

Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt.

6.9.17.

Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen

Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem

noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der

Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im

Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England

wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns

nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege,

destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die

Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir.

Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben.

Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert

sind !?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet

die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum

andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den

Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg

als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren.

Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen

nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?


...rechte Seite

Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen

Krieg. – Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg

geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die

sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie

den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen

wehen! – Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig

sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt

u. zuletzt sein Blut für's Vaterland dahingibt, dessen wird am

wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der

Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren,

ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten

Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten

aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die

den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu

direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen

geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter

zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun

in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen.

Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die

Augen auf den gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er

stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja

direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg

wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen

beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!"

und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß

der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder

Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen

als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn

man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd

schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich

genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten

Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird

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In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

2.9.17.

Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

immer geschanzt.

3.9.17.

Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

Oberst v. Gottberg die Stellung durch.

4.9.17.

Heute hat der Russe das Gehöft,

in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

Immer Schlag auf Schlag. Nur 2 Gebäude stehen, das andere ist alles

abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

wollte.

5.9.17.

Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt.

6.9.17.

Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen

Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem

noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der

Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im

Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England

wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns

nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege,

destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die

Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir.

Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben.

Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert

sind !?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet

die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum

andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den

Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg

als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren.

Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen

nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?


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Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen

Krieg. – Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg

geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die

sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie

den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen

wehen! – Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig

sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt

u. zuletzt sein Blut für's Vaterland dahingibt, dessen wird am

wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der

Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren,

ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten

Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten

aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die

den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu

direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen

geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter

zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun

in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen.

Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die

Augen auf den gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er

stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja

direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg

wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen

beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!"

und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß

der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder

Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen

als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn

man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd

schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich

genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten

Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


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  • January 21, 2019 06:27:31 Xip K

    ...linke Seite

    In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

    Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

    sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

    2.9.17.

    Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

    immer geschanzt.

    3.9.17.

    Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

    geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

    Oberst v. Gottberg die Stellung durch.

    4.9.17.

    Heute hat der Russe das Gehöft,

    in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

    Immer Schlag auf Schlag. Nur 2 Gebäude stehen, das andere ist alles

    abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

    Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

    wollte.

    5.9.17.

    Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

    Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt.

    6.9.17.

    Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen

    Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem

    noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der

    Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im

    Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England

    wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns

    nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege,

    destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die

    Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir.

    Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben.

    Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert

    sind !?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet

    die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum

    andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den

    Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg

    als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren.

    Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen

    nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?


    ...rechte Seite

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen

    Krieg. – Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg

    geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die

    sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie

    den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen

    wehen! – Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig

    sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt

    u. zuletzt sein Blut für's Vaterland dahingibt, dessen wird am

    wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der

    Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren,

    ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten

    Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten

    aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die

    den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu

    direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen

    geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter

    zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun

    in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen.

    Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die

    Augen auf den gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er

    stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja

    direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg

    wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen

    beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!"

    und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß

    der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder

    Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen

    als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn

    man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd

    schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich

    genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten

    Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird

  • January 21, 2019 06:23:50 Xip K

    ...linke Seite

    In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

    Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

    sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

    2.9.17.

    Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

    immer geschanzt.

    3.9.17.

    Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

    geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

    Oberst v. Gottberg die Stellung durch.

    4.9.17.

    Heute hat der Russe das Gehöft,

    in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

    Immer Schlag auf Schlag. Nur 2 Gebäude stehen, das andere ist alles

    abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

    Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

    wollte.

    5.9.17.

    Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

    Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt.

    6.9.17.

    Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen

    Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem

    noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der

    Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im

    Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England

    wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns

    nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege,

    destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die

    Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir.

    Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben.

    Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert

    sind !?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet

    die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum

    andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den

    Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg

    als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren.

    Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen

    nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?


    ...rechte Seite

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen

    Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg

    geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die

    sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie

    den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen

    wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig

    sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt

    u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am

    wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der

    Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren,

    ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten

    Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten

    aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die

    den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu

    direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen

    geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter

    zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun

    in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen.

    Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die

    Augen auf die gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er

    stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja

    direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg

    wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen

    beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!"

    und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß

    der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder

    Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen

    als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn

    man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd

    schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich

    genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten

    Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • January 1, 2017 08:05:14 Rolf Kranz

    ...linke Seite

    In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

    Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

    sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

    2.9.17.

    Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

    immer geschanzt.

    3.9.17.

    Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

    geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

    Oberst v. Gottberg die Stellung durch.

    4.9.17.

    Heute hat der Russe das Gehöft,

    in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

    Immer Schlag auf Schlag. Nur 2 gebäude stehen, das andere ist alles

    abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

    Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

    wollte.

    5.9.17.

    Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

    Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt.

    6.9.17.

    Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen

    Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem

    noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der

    Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im

    Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England

    wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns

    nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege,

    destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die

    Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir.

    Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben.

    Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert

    sind !?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet

    die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum

    andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den

    Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg

    als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren.

    Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen

    nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?


    ...rechte Seite

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen

    Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg

    geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die

    sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie

    den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen

    wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig

    sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt

    u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am

    wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der

    Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren,

    ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten

    Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten

    aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die

    den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu

    direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen

    geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter

    zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun

    in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen.

    Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die

    Augen auf die gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er

    stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja

    direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg

    wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen

    beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!"

    und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß

    der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder

    Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen

    als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn

    man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd

    schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich

    genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten

    Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • December 28, 2016 20:30:14 Rolf Kranz

    ...linke Seite

    In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

    Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

    sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

    2.9.17. Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

    immer geschanzt. 3.9.17. Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

    geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

    Oberst v. Gottberg die Stellung durch. 4.9.17. Heute hat der Russe das Gehöft,

    in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

    Immer Schlag auf Schlag. Nur 2 gebäude stehen, das andere ist alles

    abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

    Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

    wollte. 5.9.17. Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

    Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt. 6.9.17. Bis jetzt nichts

    Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen

    Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem

    noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der

    Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im

    Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England

    wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns

    nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege,

    destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die

    Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir.

    Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben.

    Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert

    sind !?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet

    die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum

    andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den

    Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg

    als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren.

    Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen

    nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?

    ...rechte Seite

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen

    Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg

    geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die

    sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie

    den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen

    wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig

    sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt

    u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am

    wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der

    Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren,

    ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten

    Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten

    aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die

    den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu

    direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen

    geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter

    zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun

    in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen.

    Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die

    Augen auf die gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er

    stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja

    direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg

    wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen

    beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!"

    und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß

    der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder

    Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen

    als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn

    man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd

    schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich

    genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten

    Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • December 27, 2016 22:24:42 Rolf Kranz

    ...linke Seite

    In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

    Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

    sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

    2.9.17. Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

    immer geschanzt. 3.9.17. Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

    geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

    Oberst v. Gottberg die Stellung durch. 4.9.17. Heute hat der russe das Gehöft,

    in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

    Immer schlag auf Schlag. Nur 2 gebäude stehen, das andere ist alles

    abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

    Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

    wollte. 5.9.17. Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

    Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt. 6.9.17. Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege, destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir. Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben. Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert sind!?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren. Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?

    ...rechte Seite

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren, ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen. Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die Augen auf die gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!" und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • December 27, 2016 22:23:14 Rolf Kranz

    6.9.17. Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege, destomehr Forderungen, auf die kein friedl. Staat eingeht. Nicht nur die Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir. Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben. Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert sind!?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren. Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig <del>ist</del> sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichen Essen begnügt u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren, ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen. Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die Augen auf die gestrengen Herrn vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!" und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • December 27, 2016 22:22:30 Rolf Kranz

    ...linke Seite

    In unserem Garten schlug eine "Schwere" bei dem Birnbaum ein.

    Ein Feldw[ebel] von der 9. ist verwundet u. sein Melder tot. Von der 4. K[ompanie]

    sind 4 Tote, 6 Verwundete. Am Abend löste ich Gruppe Blume ab.

    2.9.17. Der Tag verlief auf dem Stützpunkt ziemlich ruhig. Nachts, wie

    immer geschanzt. 3.9.17. Heute regnet es wieder. Ich habe schon was zurecht

    geschimpft. Abends meine Bude wasserdicht gemacht. Am Abend kam

    Oberst v. Gottberg die Stellung durch. 4.9.17. Heute hat der russe das Gehöft,

    in dem unser rechter Stützpunkt liegt, kaputtgeschossen. Der Hund war ganz verrückt.

    Immer schlag auf Schlag. Nur 2 gebäude stehen, das andere ist alles

    abgebrannt. Wieder gab es einige Tote und Verwundete. Vizefeldw[ebel]

    Wabnik war am Abend ganz verzagt trotzdem Lükfeld ihn aufheitern

    wollte. 5.9.17. Heute ist es ziemlich ruhig gewesen. Am Abend Lükfelds

    Kuchen gegessen. Tagsüber Karten gespielt. 6.9.17. Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege, destomehr Forderungen, auf die kein feindl. Staat eingeht. Nicht nur die Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir. Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben. Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert sind!?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren. Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?

    ...rechte Seite

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichsten Essen begnügt u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren, ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen. Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die Augen auf die gestrengen Herrn Vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!" und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • August 15, 2016 12:48:47 Constanze Seifert

    6.9.17. Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen Kriegsschauplätzen. Im Westen trotzt die Mauer von Fleisch u. Stahl jedem noch so wütenden Angriff eines überlegenen Feindes. Im Südosten ist der Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen. England wird durch unsere U-Bote weiter geschädigt usw. Bringen die Siege uns nun dem Frieden näher? Ich glaube eher das Gegenteil. Je mehr Siege, destomehr Forderungen, auf die kein friedl. Staat eingeht. Nicht nur die Feinde  müßten endlich zur Vernunft kommen, sondern auch wir. Sonst siegen wir uns zu Tode u. müssen zum Schlusse doch klein beigeben. Oder will man etwa warten bis Frankreich u. England ausgehungert sind!?? Das könnte doch noch einige Jahre dauern. Währenddessen verblutet die Jugend Deutschlands auf den Schlachtfeldern. Von einem Tag zum andern wartet der arme Feldgraue auf ein Anzeichen, das ihm den Frieden bringen soll. Viele begrüßen noch einen neuen Sieg als Friedenshoffnung und wissen gar nicht, wie sehr sie sich irren. Die meisten haben natürlich schon einsehen gelernt, daß Siegen nur Opfer kostet u. nicht viel einbringt. Weshalb auch Länder erwerben?

    Dieses ist doch nur die Grundlage zu einem neuen Krieg. _ Bei uns in der Heimat wird ebenfalls viel auf den Krieg geschimpft, aber bei jeder neuen Siegesmeldung sind gerade die, die sonst das größte Maul haben, die eifrigsten Hurrarufer. Es verfehlt nie den Eindruck auf einen Deutschen, wenn Glocken läuten u. Fahnen wehen! _ Gerade dessen, der Tag u. Nacht bis zur Erschlaffung tätig <del>ist</del> sein muß, der sich in solchen Zeiten oft mit dem kläglichen Essen begnügt u. zuletzt sein Blut fürs' Vaterland dahingibt, dessen wird am wenigsten gedacht. Und wie wird der Mann im grauen Kittel in der Heimat behandelt?! Mit scheelen Augen wird er überall angefahren, ob er nicht etwas ohne Geld verlangt. Man wundert sich in den meisten Städten darüber, daß gerade die schlechtesten Gastwirtschaften immer von Soldaten aufgesucht werden. Mich wundert es nun nicht u. solche Leute, die den Soldaten deshalb verurteilen, haben natürlich keine Ahnung, daß er dazu direkt gezwungen ist. Um der tötlichen Langeweile der Kaserne zu entfliehen geht der Soldat ins Gasthaus. Er hat das Bedürfnis mal fröhliche Gesichter zu sehen u. unter lustigen Menschen zu sein. Geht solch ein Mensch nun in ein besseres Restaurant so muß er schon an der Tür sein "Männchen" machen. Still setzt er sich in eine Ecke u. unterhält sich im Flüstertone, während die Augen auf die gestrengen Herrn vorgesetzten ruhn. Auf Getränke kann er stundenlang warten, da der Herr Ober erst die vornehmen Gäste bedient. Ja direkt gedemütigt wird man in solchen Lokalen. So hörte ich in Königsberg wie so ein 16 jähriger Bengel von Ober zu einem älteren verwundeten Feldgrauen beim Betreten eines Kaffees sagte: "Für Sie ist der Aufenthalt hier verboten!" und noch dazu in einem Ton? Da wundert man sich nun, daß der Soldatenstand so verrufen ist. Die Behandlung im Felde spottet jeder Beschreibung. Man hat sich das Verhältnis von Vorgesetzten zum Untergebenen als ein ideales vorgestellt. Es ist auch ein ideal - grobes! Wenn man so einen Vorgesetzten von abends bis morgens in der Arbeitszeit dauernd schimpfen hört, daß es bis zum Russen zu hören ist, da hat man wirklich genug. Bei jeder geringsten Gelegenheit bekommt der Mann die häßlichsten Schimpfworte an den Kopf geworfen. Das geringste Vergehen wird


  • June 27, 2016 11:17:10 PLG Gruppe3

    6.9.17. Bis jetzt nichts Besonderes. Jetzt gerade hört man vielfach von unseren Erfolgen auf allen Kriegsschauplätzen. Im Hafen trotzt die ---- von Fleisch u. Stahl jedem noch so wütendem Angriff einer überlegenem Feindes. Im Südosten ist der Russe aus Österreich vertrieben worden. In Rumänien geht es vor. Im Osten ist Riega, das sich solange gehalten hat endlich gefallen,


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    Königsberg / Ostpreußen

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  • Story location Königsberg / Ostpreußen




September 1, 1917 – September 6, 1917
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