Tagebuch von Margarethe Wirringa, item 22

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Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

Frau Neddermeyer von dem Waffenstillstand

in Kenntnis setzten wollten, waren

sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

zuriefen, kam Frau N. wieder heraus.

Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

"Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden !"

haben wir immer wieder gesagt. Dann

wurden aber unsere armen Gefangenen

sowie die Familien, die in letzter Zeit

noch einen ihrer Lieben durch den

Krieg verloren haben, bedauert.

Wir alle sehnten uns doch schon all' die

Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

niemals wiederkehrt. So ist es auch

bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

Heyo kurz vor Waffenstillstand auf

dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

Alten sich an ihrem Lebensabend,

da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

auf der großen Besitzung. Und so

ist es doch in so unzähligen Häusern.


Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag,

den 8. Dezbr. 18.

Während dieser Zeit gab es wieder viel

Interessantes u. allerhand Sehenswürdigkeiten

- Unruhe über Unruhe; nichts

als Zwietracht. Gleich nach der Waffenstillstand

fing es an. Revolution gäb's

auch in Norderney, die glücklicherweise

nur kurze Zeit anhielt. Es wollten

 

...rechte Seite:

die Mariner von der Flugstation mit

roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

machen. Dieses wurde ihnen von den

Feldgrauen dadurch verhindert, indem

sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

dauerte aber nicht lange, dann waren

die Grauen & Blauen gute Freunde und

machten den Umzug gemeinsam. Auf

dem Marktplatz fand eine Versammlung

statt. Für die Höherstehenden beim Militär

hat von da an die gute Zeit aufgehört,

die Soldaten sind ihnen nicht mehr

untertan, wer keine Lust hat, braucht

nicht mehr zu grüßen. We von den

Offizieren den Umzug nicht mitmachen

wollte, sind von den Soldaten hinausgeschmissen

(abgesägt). Verschiedene

sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekommen

ihr Essen aus der Mannschaftsküche.

Die Offiziers Kasinos sind geschlossen.

Dieses alles hat die Macht des

Soldatenrates gemacht. Auch bei der

Arbeit hat der Arbeiter= u. Soldatenrat

schon sehr vieles geändert. Auch hier

herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbeiter

haben auch nicht viel mehr zu befehlen

über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

alles geht durch den Arbt.- u. Sold.=Rat.

Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

der Arbeiter& Soldatenrat gewählt ist,

ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

zu begrüßen. Es sind schon viele Haussuchungen

nach Lebensmitteln von

ihnen gemacht u. a. beim Bürgermeister,

Pastor, Herr Dr. Lampe u. s. w.

Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde

 


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Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

Frau Neddermeyer von dem Waffenstillstand

in Kenntnis setzten wollten, waren

sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

zuriefen, kam Frau N. wieder heraus.

Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

"Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden !"

haben wir immer wieder gesagt. Dann

wurden aber unsere armen Gefangenen

sowie die Familien, die in letzter Zeit

noch einen ihrer Lieben durch den

Krieg verloren haben, bedauert.

Wir alle sehnten uns doch schon all' die

Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

niemals wiederkehrt. So ist es auch

bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

Heyo kurz vor Waffenstillstand auf

dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

Alten sich an ihrem Lebensabend,

da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

auf der großen Besitzung. Und so

ist es doch in so unzähligen Häusern.


Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag,

den 8. Dezbr. 18.

Während dieser Zeit gab es wieder viel

Interessantes u. allerhand Sehenswürdigkeiten

- Unruhe über Unruhe; nichts

als Zwietracht. Gleich nach der Waffenstillstand

fing es an. Revolution gäb's

auch in Norderney, die glücklicherweise

nur kurze Zeit anhielt. Es wollten

 

...rechte Seite:

die Mariner von der Flugstation mit

roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

machen. Dieses wurde ihnen von den

Feldgrauen dadurch verhindert, indem

sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

dauerte aber nicht lange, dann waren

die Grauen & Blauen gute Freunde und

machten den Umzug gemeinsam. Auf

dem Marktplatz fand eine Versammlung

statt. Für die Höherstehenden beim Militär

hat von da an die gute Zeit aufgehört,

die Soldaten sind ihnen nicht mehr

untertan, wer keine Lust hat, braucht

nicht mehr zu grüßen. We von den

Offizieren den Umzug nicht mitmachen

wollte, sind von den Soldaten hinausgeschmissen

(abgesägt). Verschiedene

sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekommen

ihr Essen aus der Mannschaftsküche.

Die Offiziers Kasinos sind geschlossen.

Dieses alles hat die Macht des

Soldatenrates gemacht. Auch bei der

Arbeit hat der Arbeiter= u. Soldatenrat

schon sehr vieles geändert. Auch hier

herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbeiter

haben auch nicht viel mehr zu befehlen

über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

alles geht durch den Arbt.- u. Sold.=Rat.

Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

der Arbeiter& Soldatenrat gewählt ist,

ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

zu begrüßen. Es sind schon viele Haussuchungen

nach Lebensmitteln von

ihnen gemacht u. a. beim Bürgermeister,

Pastor, Herr Dr. Lampe u. s. w.

Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde

 



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  • January 15, 2017 20:57:42 Rolf Kranz

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstillstand

    in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zuriefen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden !"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Lieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstand auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.


    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag,

    den 8. Dezbr. 18.

    Während dieser Zeit gab es wieder viel

    Interessantes u. allerhand Sehenswürdigkeiten

    - Unruhe über Unruhe; nichts

    als Zwietracht. Gleich nach der Waffenstillstand

    fing es an. Revolution gäb's

    auch in Norderney, die glücklicherweise

    nur kurze Zeit anhielt. Es wollten

     

    ...rechte Seite:

    die Mariner von der Flugstation mit

    roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

    machen. Dieses wurde ihnen von den

    Feldgrauen dadurch verhindert, indem

    sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

    dauerte aber nicht lange, dann waren

    die Grauen & Blauen gute Freunde und

    machten den Umzug gemeinsam. Auf

    dem Marktplatz fand eine Versammlung

    statt. Für die Höherstehenden beim Militär

    hat von da an die gute Zeit aufgehört,

    die Soldaten sind ihnen nicht mehr

    untertan, wer keine Lust hat, braucht

    nicht mehr zu grüßen. We von den

    Offizieren den Umzug nicht mitmachen

    wollte, sind von den Soldaten hinausgeschmissen

    (abgesägt). Verschiedene

    sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

    jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

    Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekommen

    ihr Essen aus der Mannschaftsküche.

    Die Offiziers Kasinos sind geschlossen.

    Dieses alles hat die Macht des

    Soldatenrates gemacht. Auch bei der

    Arbeit hat der Arbeiter= u. Soldatenrat

    schon sehr vieles geändert. Auch hier

    herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbeiter

    haben auch nicht viel mehr zu befehlen

    über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

    alles geht durch den Arbt.- u. Sold.=Rat.

    Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

    der Arbeiter& Soldatenrat gewählt ist,

    ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

    zu begrüßen. Es sind schon viele Haussuchungen

    nach Lebensmitteln von

    ihnen gemacht u. a. beim Bürgermeister,

    Pastor, Herr Dr. Lampe u. s. w.

    Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde

     


  • January 11, 2017 16:22:35 Sabine Altmann (F&F)

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstill-

    stand in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zurieifen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden!"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Llieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstasnd auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.


    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag,

    den 8. Dezbr. 18

    Während dieser zeit gab es wieder viel

    Interessantes u. allerhand Sehenswürdigkeiten

    - Unruhe über Unruhe; nichts

    als Zwietracht. Gleich nach der Waffenstillstand

    fing es an. Revolution gäb's

    auch in Norderney, die glücklicherweise

    nur kurze Zeit anhielt. Es wollten


    rechte Seite:

    die Mariner von der Flugstationmit

    R roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

    machen. Dieses wurde ihnen von den

    Feldgrauenen dadurch verhindert, indem

    sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

    dauerte aber nicht lange, dann waren

    die Grauen & Blauen gute Freunde und

    machten den Umzug gemeinsam. Auf

    dem Marktplatz fand eine Versammlung

    statt. Für die Höherstehenden beim Militär

    hat von da an die gute Zeit aufgehört,

    die Soldaten sind ihnen nicht mehr

    untertan, wer keine Lust hat, braucht

    nicht mehr zu grüßen. We von den

    Offizieren den Umzug nicht mitmachen

    wollte, sind von den Soldaten hinausgeschmissen

    (abgesägt). Verschiedene

    sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

    jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

    Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekommen

    ihr Essen aus der Mannschaftsküche.

    Die Offiziers Kasinos sind geschlossen.

    Dieses alles hat die Macht des

    Soldatenrates gemacht. Auch bei der

    Arbeit hat der Arbeiter= u. Soldatenrat

    schon sehr vieles geändert. Auch hier

    herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbeiter

    haben auch nicht viel mehr zu befehlen

    über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

    alles geht durch den Arbt.- u. Sold.=Rat.

    Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

    der Arbeiter& Soldatenrat gewählt ist,

    ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

    zu begrüßen. Es sind schon viele Haussuchungen

    nach Lebensmitteln von

    ihnen gemacht u. a. beim Est Bürgermeister,

    Pastor, Herr Dr. Lampe u. s. w.

    Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde




  • January 11, 2017 16:16:24 Sabine Altmann (F&F)

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstill-

    stand in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zurieifen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden!"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Llieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstasnd auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.


    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag,

    den 8. Dezbr. 18

    Während dieser zeit gab es wieder viel

    Interessantes u. allerhand Sehenswürdigkeiten

    - Unruhe über Unruhe; nichts

    als Zwietracht. Gleich nach der Waffenstillstand

    fing es an. Revolution gäb's

    auch in Norderney, die glücklicherweise

    nur kurze Zeit anhielt. Es wollten


    rechte Seite:

    die Mariner von der Flugstationmit

    R roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

    machen. Dieses wurde ihnen von den

    Feldgrauenen dadurch verhindert, indem

    sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

    dauerte aber nicht lange, dann waren

    die Grauen & Blauen gute Freunde und

    machten den Umzug gemeinsam. Auf

    dem Marktplatz fand eine Versammlung

    statt. Für die Höherstehenden beim Militär

    hat von da an die gute Zeit aufgehört,

    die Soldaten sind ihnen nicht mehr

    untertan, wer keine Lust hat, braucht

    nicht mehr zu grüßen. We von den

    Offizieren den Umzug nicht mitmachen

    wollte, sind von den Soldaten hinausgeschmissen

    (abgesägt). Verschiedene

    sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

    jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

    Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekommen

    ihr Essen aus der Mannschaftsküche.

    Die Offiziers Kasinos sind geschlossen.

    Dieses alles hat die Macht des

    Soldatenrates gemacht. Auch bei der

    Arbeit hat der Arbeiter= u. Soldatenrat

    schon sehr vieles geändert. Auch hier

    herrscht Freiheit & Gleichheit.




  • January 11, 2017 16:09:22 Kappandra

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstill-

    stand in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zurieifen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden!"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Llieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstand auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.

     

    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag, den 8. Dezbr. 18

    Während dieser Zeit gab es wieder viel

    Interessantes u. allerhand Sehenswür-

    digkeiten - Unruhe über Unruhe; nichts

    als Zwietracht. Gleich nach der Waffen-

    stillstand fing es an. Revolution gab es

    auch in Norderney, die glücklicherweise

    nur kurze Zeit anhielt. Es wollten

     

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    die Marine von der Flugstation mit

    roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

    machen. Dieses wurde ihnen von den

    Feldgrauen dadurch verhindert, indem

    sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

    dauerte aber nicht lange, dann waren

    die Grauen & Blauen gute Freunde und

    machten den Umzug gemeinsam. Auf

    dem Marktplatz fand eine Versammlung

    statt. Für die Höherstehenden beim Mili-

    tär hat von da an die gute Zeit aufge-

    hört. Die Soldaten sind ihnen nicht mehr

    untertan, wer keine Lust hat, braucht

    nicht mehr zu grüßen. Wer von den

    Offizieren den Umzug nicht mitmachen

    wollte, sind von den Soldaten hinaus

    geschmissen (abgesägt). Verschiedene

    sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

    jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

    Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekom-

    men ihr Essen aus der Mannschafts-

    küche. Die Kasinos sind ge-

    schlossen. Dieses alles hat die Macht des

    Soldatenrechts gemacht. Auch bei der

    Arbeit hat der Arbeiter- und Soldaten-

    rat schon sehr vieles geändert. Auch hier

    herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbei-

    ter haben auch nicht viel mehr zu be-

    fehlen über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

    alles geht durch den Arbt.- u. Sold.-Rat.

    Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

    der Arbeiter & Soldatenrat gewählt ist,

    ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

    zu begrüßen. Es sind schon viele Haus-

    suchungen nach Lebensmitteln von

    ihnen gemacht u. a. beim Bürger-

    meister, Pastor, Herr. Dr. Lampe u.s.w.

    Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde


     


  • January 11, 2017 16:07:29 Kappandra

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstill-

    stand in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zurieifen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden!"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Llieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstasnd auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.

     

    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag, den 8. Dezbr. 18

    Während dieser Zeit gab es wieder viel

    Interessantes u. allerhand Sehenswür-

    digkeiten - Unruhe über Unruhe; nichts

    als Zwietracht. Gleich nach der Waffen-

    stillstand fing es an. Revolution gab es

    auch in Norderney, die glücklicherweise

    nur kurze Zeit anhielt. Es wollten

     

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    die Marine von der Flugstation mit

    roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

    machen. Dieses wurde ihnen von den

    Feldgrauen dadurch verhindert, indem

    sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

    dauerte aber nicht lange, dann waren

    die Grauen & Blauen gute Freunde und

    machten den Umzug gemeinsam. Auf

    dem Marktplatz fand eine Versammlung

    statt. Für die Höherstehenden beim Mili-

    tär hat von da an die gute Zeit aufge-

    hört. Die Soldaten sind ihnen nicht mehr

    untertan, wer keine Lust hat, braucht

    nicht mehr zu grüßen. Wer von den

    Offizieren den Umzug nicht mitmachen

    wollte, sind von den Soldaten hinaus

    geschmissen (abgesägt). Verschiedene

    sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

    jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

    Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekom-

    men ihr Essen aus der Mannschafts-

    küche. Die Kasinos sind ge-

    schlossen. Dieses alles hat die Macht des

    Soldatenrechts gemacht. Auch bei der

    Arbeit hat der Arbeiter- und Soldaten-

    rat schon sehr vieles geändert. Auch hier

    herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbei-

    ter haben auch nicht viel mehr zu be-

    fehlen über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

    alles geht durch den Arbt.- u. Sold.-Rat.

    Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

    der Arbeiter & Soldatenrat gewählt ist,

    ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

    zu begrüßen. Es sind schon viele Haus-

    suchungen nach Lebensmitteln von

    ihnen gemacht u. a. beim Bürger-

    meister, Pastor, Herr. Dr. Lampe u.s.w.

    Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde


     


  • January 11, 2017 16:07:11 Kappandra

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstill-

    stand in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zurieifen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden!"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Llieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstasnd auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.


    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag, den 8. Dezbr. 18

    Während dieser Zeit gab es wieder viel

    Interessantes u. allerhand Sehenswür-

    digkeiten - Unruhe über Unruhe; nichts

    als Zwietracht. Gleich nach der Waffen-

    stillstand fing es an. Revolution gab es

    auch in Norderney, die glücklicherweise

    nur kurze Zeit anhielt. Es wollten


    right page

    die Marine von der Flugstation mit

    roter Fahne einen Umzug durchs Dorf

    machen. Dieses wurde ihnen von den

    Feldgrauen dadurch verhindert, indem

    sie Maschinengewehre aufstellten. Dieses

    dauerte aber nicht lange, dann waren

    die Grauen & Blauen gute Freunde und

    machten den Umzug gemeinsam. Auf

    dem Marktplatz fand eine Versammlung

    statt. Für die Höherstehenden beim Mili-

    tär hat von da an die gute Zeit aufge-

    hört. Die Soldaten sind ihnen nicht mehr

    untertan, wer keine Lust hat, braucht

    nicht mehr zu grüßen. Wer von den

    Offizieren den Umzug nicht mitmachen

    wollte, sind von den Soldaten hinaus

    geschmissen (abgesägt). Verschiedene

    sind auch verprügelt. Die Soldaten haben

    jetzt Freiheit. Es ist jetzt beim Militär

    Freiheit u. Gleichheit. Die Offiziere bekom-

    men ihr Essen aus der Mannschafts-

    küche. Die Kasinos sind ge-

    schlossen. Dieses alles hat die Macht des

    Soldatenrechts gemacht. Auch bei der

    Arbeit hat der Arbeiter- und Soldaten-

    rat schon sehr vieles geändert. Auch hier

    herrscht Freiheit & Gleichheit. Die Vorarbei-

    ter haben auch nicht viel mehr zu be-

    fehlen über die Arbeiter & Arbeiterinnen,

    alles geht durch den Arbt.- u. Sold.-Rat.

    Auch hier gibt's gleiches Essen. Das hier

    der Arbeiter & Soldatenrat gewählt ist,

    ebenso wie an anderen Orten, ist sehr

    zu begrüßen. Es sind schon viele Haus-

    suchungen nach Lebensmitteln von

    ihnen gemacht u. a. beim Bürger-

    meister, Pastor, Herr. Dr. Lampe u.s.w.

    Wer zuviel eingeheimst hatte, wurde



  • January 11, 2017 15:55:35 Kappandra

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    Wie wir am Abend des 8. Novbr. Herr &

    Frau Neddermeyer von dem Waffenstill-

    stand in Kenntnis setzten wollten, waren

    sie schon zu Bett. Doch wie wir ihnen es

    zurieifen, kam Frau N. wieder heraus.

    Vor Freuden hat sie Kea & mich umarmt

    u. haben sie, Kea & Johann sich abwechselnd

    in Kea u. mein Bett hinfallen lassen.

    "Nun, gibt's hoffentl. recht bald Frieden!"

    haben wir immer wieder gesagt. Dann

    wurden aber unsere armen Gefangenen

    sowie die Familien, die in letzter Zeit

    noch einen ihrer Llieben durch den

    Krieg verloren haben, bedauert.

    Wir alle sehnten uns doch schon all' die

    Kriegsjahre hindurch auf Frieden. In

    vielen Familien fehlen die Arbeitskräfte.

    Es ist doch traurig, wo eine solche Stütze

    niemals wiederkehrt. So ist es auch

    bei Trauernichts in Spetzerfehn, wo ihr Sohn

    Heyo kurz vor Waffenstillstasnd auf

    dem Felde der Ehre fiel. Nun müssen die

    Alten sich an ihrem Lebensabend,

    da ihnen nach dem arbeitsreichen Leben

    die Ruhe schon nötig wäre, abquälen

    auf der großen Besitzung. Und so

    ist es doch in so unzähligen Häusern.


    Dienstag, den 19. Novbr. bis Sonntag, den 8. Dezbr. 18




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    Norderney

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14705 / 160797
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http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Johanna Senkowski
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http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


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