Telegraphist Alfred Pöge an der Westfront am Chemin des Dames, item 77

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Lfd. Nr. 29.


Wir waren nun schon wieder vier Wochen hier und hatten uns

ganz schön eingelebt. Da auf einamal sickerte es langsam durch

über Unstimmtigkeiten an einzelenen Frontabschnitten. Man sprach

auch sehr viel von einem Waffenstillstand.


Die Sache wurde am 8. November zur Wirklichkeit. Die Revou=

lution war ausgebrochen und von vielen Teilen der Front kam die

Nachricht, das die Waffen niedergelegt werden sollten. Überall

wurden Abreiter-und Soldatenräte gewählt. Bei vielen Formationen

hatten die Offiziere nichts mehr zu sagen. Wir waren mit den

Unserigen sehr zufrieden und haben auch einige in den Soldaten=

rat gewählt.


Alles war in grösster Verwirrung und wir machten uns

nun langsam fertig zum Aufbruch in die Heimat. Alles nur erdenk=

liche wurde an die Bevölkerung verkauft gegen Lebensmittel und

Geld.


Der Kamerad, welcher mit in meinem Quartiere

lag, war seit einer Fahrt nach Stassburg sehr schlimm an Grippe

erkrant. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und wir

mussten ihn in der Nacht zum 9. 11. in die Revierstube schaffen.

Ich war von einem heftigen Nesselfieber befallen worden, bei mie

war es sicher die Aufregung. Der Gemeindevorsteher hatte mir an=

geboten mit der Werkstatt hier zu bleiben und mich in dem Dorfe

selbständig zu machen.


Der Drang nach der Heimat aber lies mich zu

keinem Entschluss kommen. Nachdem wir einen grossen Teil ver=

laden hatten, den meisten Teil aber zerstört, nahmen wir von

allen Abschied und machten uns auf den Marsch in der Richtung

nach Rastatt in Baden.


Den Kameraden Dressler konnten wir nicht mitnehmen,

er ist auch noch in der näschsten Nacht gestorben. Wir haben

noch seine Frau, welche in Berlin wohnte benachrichtigt.


Es war den 11. 11. und wir waren auf den Marsche nach

der Heimat. Das Fahren der Offiziere in den Kutschen und in den

Autos hatte aufgehört. Alles musste zu Fuss marschieren, noch

nicht einmal der Majoe des Schiessplatzes, der Kommandant

durfte Fahren. Da der Letztere ein grosser Schweinehund mit

den Soldaten war, haben ihm viele dieses gegönnt.


Bei dem Orte Drusenheim gingen wir über die grosse

Rheinbrücke, um in dem Dorfe Schwarzach noch einmal Halt zu

machen. Sehr interessant war es zuzusehen, wie die Offiziere

sich nun auch mit anstellen mussten, um ihre Verpfegungzu

empfangen. Hier in dem Dorfe Schwarzach haben wir Ubernachtet

und zwar in einer Schule. Ich habe mir mit einem Kameraden ein

Privatquartier gesucht. Für Geld konnte man ja alles bekommen.


Am 12. 11. ging der Marsch weiter. Kurz vor Rastatt

wurde noch einmal Halt gemacht. Hier wurde unsere Kriegskasse

ausgezahlt. Wir hatten sehr viel Geld an Kantinen - und Kontributions =

geldern in unserer Kasse. Ein jeder von uns bekam einen sehr ansehn=

lichen Betrag, und wir fühlten uns richtig reich.


Nachdem wir noch einmal auf alle Zwischenfälle auf=

merksam gemacht worden waren, die bei dem Einmarsch in Rastatt

eintreten könnten, ging unser Marsch weiter in der Richtung auf

die Stadt. Lange schon waren die hohen Kirchtürme in Sicht.


Fortsetzung Blatt 30.

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Lfd. Nr. 29.


Wir waren nun schon wieder vier Wochen hier und hatten uns

ganz schön eingelebt. Da auf einamal sickerte es langsam durch

über Unstimmtigkeiten an einzelenen Frontabschnitten. Man sprach

auch sehr viel von einem Waffenstillstand.


Die Sache wurde am 8. November zur Wirklichkeit. Die Revou=

lution war ausgebrochen und von vielen Teilen der Front kam die

Nachricht, das die Waffen niedergelegt werden sollten. Überall

wurden Abreiter-und Soldatenräte gewählt. Bei vielen Formationen

hatten die Offiziere nichts mehr zu sagen. Wir waren mit den

Unserigen sehr zufrieden und haben auch einige in den Soldaten=

rat gewählt.


Alles war in grösster Verwirrung und wir machten uns

nun langsam fertig zum Aufbruch in die Heimat. Alles nur erdenk=

liche wurde an die Bevölkerung verkauft gegen Lebensmittel und

Geld.


Der Kamerad, welcher mit in meinem Quartiere

lag, war seit einer Fahrt nach Stassburg sehr schlimm an Grippe

erkrant. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und wir

mussten ihn in der Nacht zum 9. 11. in die Revierstube schaffen.

Ich war von einem heftigen Nesselfieber befallen worden, bei mie

war es sicher die Aufregung. Der Gemeindevorsteher hatte mir an=

geboten mit der Werkstatt hier zu bleiben und mich in dem Dorfe

selbständig zu machen.


Der Drang nach der Heimat aber lies mich zu

keinem Entschluss kommen. Nachdem wir einen grossen Teil ver=

laden hatten, den meisten Teil aber zerstört, nahmen wir von

allen Abschied und machten uns auf den Marsch in der Richtung

nach Rastatt in Baden.


Den Kameraden Dressler konnten wir nicht mitnehmen,

er ist auch noch in der näschsten Nacht gestorben. Wir haben

noch seine Frau, welche in Berlin wohnte benachrichtigt.


Es war den 11. 11. und wir waren auf den Marsche nach

der Heimat. Das Fahren der Offiziere in den Kutschen und in den

Autos hatte aufgehört. Alles musste zu Fuss marschieren, noch

nicht einmal der Majoe des Schiessplatzes, der Kommandant

durfte Fahren. Da der Letztere ein grosser Schweinehund mit

den Soldaten war, haben ihm viele dieses gegönnt.


Bei dem Orte Drusenheim gingen wir über die grosse

Rheinbrücke, um in dem Dorfe Schwarzach noch einmal Halt zu

machen. Sehr interessant war es zuzusehen, wie die Offiziere

sich nun auch mit anstellen mussten, um ihre Verpfegungzu

empfangen. Hier in dem Dorfe Schwarzach haben wir Ubernachtet

und zwar in einer Schule. Ich habe mir mit einem Kameraden ein

Privatquartier gesucht. Für Geld konnte man ja alles bekommen.


Am 12. 11. ging der Marsch weiter. Kurz vor Rastatt

wurde noch einmal Halt gemacht. Hier wurde unsere Kriegskasse

ausgezahlt. Wir hatten sehr viel Geld an Kantinen - und Kontributions =

geldern in unserer Kasse. Ein jeder von uns bekam einen sehr ansehn=

lichen Betrag, und wir fühlten uns richtig reich.


Nachdem wir noch einmal auf alle Zwischenfälle auf=

merksam gemacht worden waren, die bei dem Einmarsch in Rastatt

eintreten könnten, ging unser Marsch weiter in der Richtung auf

die Stadt. Lange schon waren die hohen Kirchtürme in Sicht.


Fortsetzung Blatt 30.


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  • October 23, 2018 13:07:53 Sarika Jain

    Lfd. Nr. 29.


    Wir waren nun schon wieder vier Wochen hier und hatten uns

    ganz schön eingelebt. Da auf einamal sickerte es langsam durch

    über Unstimmtigkeiten an einzelenen Frontabschnitten. Man sprach

    auch sehr viel von einem Waffenstillstand.


    Die Sache wurde am 8. November zur Wirklichkeit. Die Revou=

    lution war ausgebrochen und von vielen Teilen der Front kam die

    Nachricht, das die Waffen niedergelegt werden sollten. Überall

    wurden Abreiter-und Soldatenräte gewählt. Bei vielen Formationen

    hatten die Offiziere nichts mehr zu sagen. Wir waren mit den

    Unserigen sehr zufrieden und haben auch einige in den Soldaten=

    rat gewählt.


    Alles war in grösster Verwirrung und wir machten uns

    nun langsam fertig zum Aufbruch in die Heimat. Alles nur erdenk=

    liche wurde an die Bevölkerung verkauft gegen Lebensmittel und

    Geld.


    Der Kamerad, welcher mit in meinem Quartiere

    lag, war seit einer Fahrt nach Stassburg sehr schlimm an Grippe

    erkrant. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und wir

    mussten ihn in der Nacht zum 9. 11. in die Revierstube schaffen.

    Ich war von einem heftigen Nesselfieber befallen worden, bei mie

    war es sicher die Aufregung. Der Gemeindevorsteher hatte mir an=

    geboten mit der Werkstatt hier zu bleiben und mich in dem Dorfe

    selbständig zu machen.


    Der Drang nach der Heimat aber lies mich zu

    keinem Entschluss kommen. Nachdem wir einen grossen Teil ver=

    laden hatten, den meisten Teil aber zerstört, nahmen wir von

    allen Abschied und machten uns auf den Marsch in der Richtung

    nach Rastatt in Baden.


    Den Kameraden Dressler konnten wir nicht mitnehmen,

    er ist auch noch in der näschsten Nacht gestorben. Wir haben

    noch seine Frau, welche in Berlin wohnte benachrichtigt.


    Es war den 11. 11. und wir waren auf den Marsche nach

    der Heimat. Das Fahren der Offiziere in den Kutschen und in den

    Autos hatte aufgehört. Alles musste zu Fuss marschieren, noch

    nicht einmal der Majoe des Schiessplatzes, der Kommandant

    durfte Fahren. Da der Letztere ein grosser Schweinehund mit

    den Soldaten war, haben ihm viele dieses gegönnt.


    Bei dem Orte Drusenheim gingen wir über die grosse

    Rheinbrücke, um in dem Dorfe Schwarzach noch einmal Halt zu

    machen. Sehr interessant war es zuzusehen, wie die Offiziere

    sich nun auch mit anstellen mussten, um ihre Verpfegungzu

    empfangen. Hier in dem Dorfe Schwarzach haben wir Ubernachtet

    und zwar in einer Schule. Ich habe mir mit einem Kameraden ein

    Privatquartier gesucht. Für Geld konnte man ja alles bekommen.


    Am 12. 11. ging der Marsch weiter. Kurz vor Rastatt

    wurde noch einmal Halt gemacht. Hier wurde unsere Kriegskasse

    ausgezahlt. Wir hatten sehr viel Geld an Kantinen - und Kontributions =

    geldern in unserer Kasse. Ein jeder von uns bekam einen sehr ansehn=

    lichen Betrag, und wir fühlten uns richtig reich.


    Nachdem wir noch einmal auf alle Zwischenfälle auf=

    merksam gemacht worden waren, die bei dem Einmarsch in Rastatt

    eintreten könnten, ging unser Marsch weiter in der Richtung auf

    die Stadt. Lange schon waren die hohen Kirchtürme in Sicht.


    Fortsetzung Blatt 30.

  • October 23, 2018 13:00:44 Sarika Jain

    Lfd. Nr. 29.


    Wir waren nun schon wieder vier Wochen hier und hatten uns

    ganz schön eingelebt. Da auf einamal sickerte es langsam durch

    über Unstimmtigkeiten an einzelenen Frontabschnitten. Man sprach

    auch sehr viel von einem Waffenstillstand.


    Die Sache wurde am 8. November zur Wirklichkeit. Die Revou=

    lution war ausgebrochen und von vielen Teilen der Front kam die

    Nachricht, das die Waffen niedergelegt werden sollten. Überall

    wurden Abreiter-und Soldatenräte gewählt. Bei vielen Formationen

    hatten die Offiziere nichts mehr zu sagen. Wir waren mit den

    Unserigen sehr zufrieden und haben auch einige in den Soldaten=

    rat gewählt.


    Alles war in grösster Verwirrung und wir machten uns

    nun langsam fertig zum Aufbruch in die Heimat. Alles nur erdenk=

    liche wurde an die Bevölkerung verkauft gegen Lebensmittel und

    Geld.


    Der Kamerad, welcher mit in meinem Quartiere

    lag, war seit einer Fahrt nach Stassburg sehr schlimm an Grippe

    erkrant. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und wir

    mussten ihn in der Nacht zum 9. 11. in die Revierstube schaffen.

    Ich war von einem heftigen Nesselfieber befallen worden, bei mie

    war es sicher die Aufregung. Der Gemeindevorsteher hatte mir an=

    geboten mit der Werkstatt hier zu bleiben und mich in dem Dorfe

    selbständig zu machen.


    Der Drang nach der Heimat aber lies mich zu

    keinem Entschluss kommen. Nachdem wir einen grossen Teil ver=

    laden hatten, den meisten Teil aber zerstört, nahmen wir von

    allen Abschied und machten uns auf den Marsch in der Richtung

    nach Rastatt in Baden.


    Den Kameraden Dressler konnten wir nicht mitnehmen,

    er ist auch noch in der näschsten Nacht gestorben. Wir haben

    noch seine Frau, welche in Berlin wohnte benachrichtigt.




  • October 23, 2018 12:58:43 Sarika Jain

    Lfd. Nr. 29.


    Wir waren nun schon wieder vier Wochen hier und hatten uns

    ganz schön eingelebt. Da auf einamal sickerte es langsam durch

    über Unstimmtigkeiten an einzelenen Frontabschnitten. Man sprach

    auch sehr viel von einem Waffenstillstand.


    Die Sache wurde am 8. November zur Wirklichkeit. Die Revou=

    lution war ausgebrochen und von vielen Teilen der Front kam die

    Nachricht, das die Waffen niedergelegt werden sollten. Überall

    wurden Abreiter-und Soldatenräte gewählt. Bei vielen Formationen

    hatten die Offiziere nichts mehr zu sagen. Wir waren mit den

    Unserigen sehr zufrieden und haben auch einige in den Soldaten=

    rat gewählt.


    Alles war in grösster Verwirrung und wir machten uns

    nun langsam fertig zum Aufbruch in die Heimat. Alles nur erdenk=

    liche wurde an die Bevölkerung verkauft gegen Lebensmittel und

    Geld.


    Der Kamerad, welcher mit in meinem Quartiere

    lag, war seit einer Fahrt nach Stassburg sehr schlimm an Grippe

    erkrant. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und wir

    mussten ihn in der Nacht zum 9. 11. in die Revierstube schaffen.

    Ich war von einem heftigen Nesselfieber befallen worden, bei mie

    war es sicher die Aufregung. Der Gemeindevorsteher hatte mir an=

    geboten mit der Werkstatt hier zu bleiben und mich in dem Dorfe

    selbständig zu machen.




  • October 23, 2018 12:52:22 Sarika Jain

    Lfd. Nr. 29.


    Wir waren nun schon wieder vier Wochen hier und hatten uns

    ganz schön eingelebt. Da auf einamal sickerte es langsam durch

    über Unstimmtigkeiten an einzelenen Frontabschnitten. Man sprach

    auch sehr viel von einem Waffenstillstand.




Description

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  • 49.43849640000001||3.753441299999963||

    Chemin des Dames

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Location(s)
  • Story location Chemin des Dames


ID
12911 / 189467
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Uta Marschall-Timm
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/



  • Western Front

  • Artillery
  • Trench Life



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