Kriegstagebuch von Hans-Joachim Röhr aus Görlitz - Band 1, item 45

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S. 73

     In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

Geschosse und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

      Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

Am Himmel Dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffen

sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

Augenblick blass, oder wenns glimpflich abläuft, hört man

zotige Witze, und dabei lauern viele auf nen Heimatschuss,

eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


S. 74

hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Mantel und Weste, greift

nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback, alles

nur Eichenlaub, Kartoffelstrünke, Wald und Wiese. Es herrscht

ein rauher Ton. Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

Kasernenhofblüten und Grosstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

wie er sagte. U. s. weiter.

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S. 73

     In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

Geschosse und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

      Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

Am Himmel Dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffen

sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

Augenblick blass, oder wenns glimpflich abläuft, hört man

zotige Witze, und dabei lauern viele auf nen Heimatschuss,

eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


S. 74

hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Mantel und Weste, greift

nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback, alles

nur Eichenlaub, Kartoffelstrünke, Wald und Wiese. Es herrscht

ein rauher Ton. Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

Kasernenhofblüten und Grosstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

wie er sagte. U. s. weiter.


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  • March 26, 2017 21:22:28 Rolf Kranz

    S. 73

         In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschosse und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

          Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel Dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffen

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns glimpflich abläuft, hört man

    zotige Witze, und dabei lauern viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Mantel und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstrünke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton. Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofblüten und Grosstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.

  • March 26, 2017 09:16:37 Rolf Kranz

    S. 73

         In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschosse und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

         Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel Dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffen

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns glimpflich abläuft, hört man

    zotige Witze, und dabei lauern viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Mantel und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstrünke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton. Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofblüten und Grosstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.


  • January 13, 2017 23:46:04 Rolf Kranz

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschosse und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zotige Witze, und dabei lauern viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Mantel und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstrünke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton. Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofblüten und Grosstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.


  • December 27, 2016 21:13:29 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.


  • December 27, 2016 21:13:01 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Speck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:12:39 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von Rogdanow, der Zweite der Meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Tag, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:11:34 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein Landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:11:24 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig,

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:11:20 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten,

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen, schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:10:58 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtspelunken. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:10:37 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt aus

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:10:20 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback "alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstreuche, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

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    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:09:57 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

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    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Taback, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:09:35 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

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    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den Tommy. Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:09:00 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, haben fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:08:32 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:08:23 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Somme, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:08:13 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimatschuss,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:07:37 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    zobige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:06:54 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum tägl.

    Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerscheine

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:05:59 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Fontainen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:05:26 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Abend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:05:16 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit füllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:04:51 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blums

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:04:44 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgend ein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:04:25 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergarben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:04:11 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das krachende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 27, 2016 21:03:58 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Ruinen hallte das trudende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

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    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 19, 2016 17:01:29 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Bäumen knallte das trudende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein, als im Dreck und Spuck sein Dasein zu fristen, der 3. war Kaufmann,

    kennt Frankreich spricht von Paris und Brüssel, war vor Wochen noch

    in der Heimat reklamiert, und beschaut sich Frankreich durch den Draht

    wie er sagte. U. s. weiter.




  • December 19, 2016 17:00:21 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Bäumen knallte das trudende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind

    die Leute aus allen Berufen, äusserlich gleich, abgerissen schäbig

    verschmutzt. Der Eine ein landmannsohn, irgendwo hat der Vater

    daheim ne kleine Scholle, er spricht von seiner Braut, freut sich auf

    ihre Briefe und weiss kaum mehr wie sie aussieht, seit Jahren trägt

    er schon den grauen Rock, daran schimmert ein schwarzes Bändel, es

    stammt aus Russland, von ..., der Zweite der meister im Minieren,

    ist Grubenarbeiter und fuhr vor langen Monaten mit einem Lämpchen

    unter Zah, er stammt aus Bochum und wünscht sich sehnlichst zurück,

    zu Weib und Kind, um fortan mit seinem dürftigen Leben zufrieden zu

    sein




  • December 19, 2016 16:57:47 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Bäumen knallte das trudende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift

    nach seiner Haut und kratzt sich. Flucht dabei auf die Läuse,

    auf den Dreck, auf den .... Der Andere hustet, fällt ins

    Schimpfen ein, es ist zum Verrecken, das Kotzen kann man kriegen,

    kaut an einer Pfeife, oder Zigarre schimpft auf den Tabak, alles

    nur Eichenlaub, Kartoffelstärke, Wald und Wiese. Es herrscht

    ein rauher Ton Landsknechtsprache, zusammengesetzt als

    Kasernenhofbluten und Grossstadtsoelunkenn. - Man redet in allerlei Dialekten

    Sachsen sind da, Ostpreussen, Berliner, Norddeutsche, ebenso sind




  • December 19, 2016 16:54:57 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Bäumen knallte das trudende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74

    hier an der Sommne, sehen selbst schon aus wie der Lehm, dreckig, von oben

    bis unten, kaum kann man die Litzen erkennen, auf die wir

    Gardisten so stolz sind, sehen fahle, verschlafene Gesicher,

    schmutzstarrende Haut an Kopf und Händen, und stehen keinen

    Augenblick stille. Einer schiebt die Hand unter Manter und Weste, greift



  • December 19, 2016 16:40:42 Corinna Pichler (AUT)

    S. 73

    In den Bäumen knallte das trudende Echo der berstenden

    Geschose und stoben Feuergaben sekundenlang aus 

    Häuserresten, und dann regnete es Steine und Eisensplitter, die

    lautklatschend auf irgendein Holz trommelten, oder mit blumsen

    in den Lehmbrei fielen. Irgendwo miaute ein Kater. -

    Und was bringt der Tag? Nichts Neues, kaum

    Bemerkenswertes, Eintönigkeit fäüllt ihn aus, man wartet, wartet,

    wartet auf irgendwas. Morgens auf den Arbend, abends auf den

    Morgen, dazwischen aufs Essen, gelegentlich auf Ablösung.

    Eine grosse Wartemaschine ist der Krieg. Was sieht man?

    Am Himmel dutzende feindliche Flieger am Horizont Qualm,

    Rauch, dazwischen Gesteinen die einschlagende Granaten verraten,

    man hört sie längst nicht mehr, es gehört schon zum

    täglichen Leben, dieses dumpfe ewige Grollen, nachts durch Feuerschein

    begleitet. Man hört blos die Geschosse, welche besonders nahe

    kommen und einen an den Ernst der Situation erinnern,

    dass sonstwo auch Menschen stehen, hocken, oder gerade getroffenn

    sich im Blut wälzen, weiss man nicht, fühlt man nicht,

    kümmert einen gar nicht, blos wenns gar zu nahe

    kommt, Schreie und Wimmern hört; wird man für einen

    Augenblick blass, oder wenns gimpflich abläuft, hört man

    selbige Witze, und dabei bauen viele auf nen Heimats...,

    eine kleine Verwundung. Sonst sieht man nichts als

    Lehmhügel und Löcher und Pfützen. Und was spricht man?

    Ich wurde ausgefragt über Berlin, die Heimat, Neuigkeiten,

    es sind ja alte Krieger seit Jahr und Tag draussen, seit Wochen


    S. 74




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