Leutnant der Reserve Ernst Hartung vom Feldartillerie-Regiment 247, item 96

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Seitenzählung 85R

wenn es Männer sind, die du achtest, durch Gründe,

weshalb sie sich täuschen.

Das Urteil eines Feindes ist oft gerechter u. nützlicher

als das eines Freundes. Der Haß der Menschen sitzt im-

mer tiefer als die Liebe. Der Blick des Hassers ist durch-

dringender als der des Liebenden. Ein wahrer Freund

ist wie du selbst. Dein Feind ist dir nicht ähnlich - darin

liegt seine Stärke. Der Haß erleuchtet vieles, was die Liebe

verbirgt. Denke daran u. verachte nicht den Tadel deiner

Feinde.

Die Wahl eines Berufes hat mich schon oft verstimmt.

23. Januar 1918.

Im Fluge war der schöne lange Urlaub vorbei, der längste

den ich bisher gehabt habe, und doch so kurz, wenn man

jetzt zurückblickt u. nachdenkt, wie ein Tag den an-

dern jagte. Schneesturm u. Tauwetter wechselten

ständig u. fesselten uns ans Haus, wo wir aber auch

sehr vergnügt waren. - Ich beschäftigte mich mit Lesen,

Zeichnen u. Malen. "Im Salon" in Aquarell, was

entschieden mehr Geschicklichkeit erfordert als Ölmalerei

Seitenzählung 86

Meine überalles geliebte Holzschnitzerei liegt bedauer-

licherweise schon während des ganzen Kriegs darnieder. -

Am vorletzten Abend, es war am 18. Jan., wurde eine

kleine Schlußfeier des Urlaubs mit Gesang veran-

staltet. Es war sehr nett. Wir sangen all die alten

Volksweisen, die ich als Schüler so gerne hatte, u. a.

auch "Nun ade, du mein l. Heimatland", wobei mich

der Abschiedsschmerz beinah überwältigte. -

Was für eine Aufgabe habe ich wohl in der Welt zu erfüllen?

Ist Baufach oder Kunst ein Irrtum? Wenn es so ist,

warum gibt mir das Schicksal von allem nur ein Wenig,

so daß Zweifel in mir wach werden, u ich nicht hierhin

noch dorthin zu greifen wage, ja sogar ins Dunkeln

tappe nach einem Berufe, der mir vielleicht nicht zu-

sagt u. mir nur dann genügt, wenn er mir viel

Zeit läßt, damit ich meine Privatinteressen verfolgen

kann? Und legt man sich nur auf Kunst, wer garan-

tiert mir, daß sie nicht zum bloßen Broterwerb

wird. Ebenso hinderlich ist ein Protektorat. - Kunst will Freiheit

haben, ein unabhängiges Leben, um sich tüchtig ent-

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Seitenzählung 85R

wenn es Männer sind, die du achtest, durch Gründe,

weshalb sie sich täuschen.

Das Urteil eines Feindes ist oft gerechter u. nützlicher

als das eines Freundes. Der Haß der Menschen sitzt im-

mer tiefer als die Liebe. Der Blick des Hassers ist durch-

dringender als der des Liebenden. Ein wahrer Freund

ist wie du selbst. Dein Feind ist dir nicht ähnlich - darin

liegt seine Stärke. Der Haß erleuchtet vieles, was die Liebe

verbirgt. Denke daran u. verachte nicht den Tadel deiner

Feinde.

Die Wahl eines Berufes hat mich schon oft verstimmt.

23. Januar 1918.

Im Fluge war der schöne lange Urlaub vorbei, der längste

den ich bisher gehabt habe, und doch so kurz, wenn man

jetzt zurückblickt u. nachdenkt, wie ein Tag den an-

dern jagte. Schneesturm u. Tauwetter wechselten

ständig u. fesselten uns ans Haus, wo wir aber auch

sehr vergnügt waren. - Ich beschäftigte mich mit Lesen,

Zeichnen u. Malen. "Im Salon" in Aquarell, was

entschieden mehr Geschicklichkeit erfordert als Ölmalerei

Seitenzählung 86

Meine überalles geliebte Holzschnitzerei liegt bedauer-

licherweise schon während des ganzen Kriegs darnieder. -

Am vorletzten Abend, es war am 18. Jan., wurde eine

kleine Schlußfeier des Urlaubs mit Gesang veran-

staltet. Es war sehr nett. Wir sangen all die alten

Volksweisen, die ich als Schüler so gerne hatte, u. a.

auch "Nun ade, du mein l. Heimatland", wobei mich

der Abschiedsschmerz beinah überwältigte. -

Was für eine Aufgabe habe ich wohl in der Welt zu erfüllen?

Ist Baufach oder Kunst ein Irrtum? Wenn es so ist,

warum gibt mir das Schicksal von allem nur ein Wenig,

so daß Zweifel in mir wach werden, u ich nicht hierhin

noch dorthin zu greifen wage, ja sogar ins Dunkeln

tappe nach einem Berufe, der mir vielleicht nicht zu-

sagt u. mir nur dann genügt, wenn er mir viel

Zeit läßt, damit ich meine Privatinteressen verfolgen

kann? Und legt man sich nur auf Kunst, wer garan-

tiert mir, daß sie nicht zum bloßen Broterwerb

wird. Ebenso hinderlich ist ein Protektorat. - Kunst will Freiheit

haben, ein unabhängiges Leben, um sich tüchtig ent-


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  • January 1, 2020 21:05:45 Evelyn Weiser

    Seitenzählung 85R

    wenn es Männer sind, die du achtest, durch Gründe,

    weshalb sie sich täuschen.

    Das Urteil eines Feindes ist oft gerechter u. nützlicher

    als das eines Freundes. Der Haß der Menschen sitzt im-

    mer tiefer als die Liebe. Der Blick des Hassers ist durch-

    dringender als der des Liebenden. Ein wahrer Freund

    ist wie du selbst. Dein Feind ist dir nicht ähnlich - darin

    liegt seine Stärke. Der Haß erleuchtet vieles, was die Liebe

    verbirgt. Denke daran u. verachte nicht den Tadel deiner

    Feinde.

    Die Wahl eines Berufes hat mich schon oft verstimmt.

    23. Januar 1918.

    Im Fluge war der schöne lange Urlaub vorbei, der längste

    den ich bisher gehabt habe, und doch so kurz, wenn man

    jetzt zurückblickt u. nachdenkt, wie ein Tag den an-

    dern jagte. Schneesturm u. Tauwetter wechselten

    ständig u. fesselten uns ans Haus, wo wir aber auch

    sehr vergnügt waren. - Ich beschäftigte mich mit Lesen,

    Zeichnen u. Malen. "Im Salon" in Aquarell, was

    entschieden mehr Geschicklichkeit erfordert als Ölmalerei

    Seitenzählung 86

    Meine überalles geliebte Holzschnitzerei liegt bedauer-

    licherweise schon während des ganzen Kriegs darnieder. -

    Am vorletzten Abend, es war am 18. Jan., wurde eine

    kleine Schlußfeier des Urlaubs mit Gesang veran-

    staltet. Es war sehr nett. Wir sangen all die alten

    Volksweisen, die ich als Schüler so gerne hatte, u. a.

    auch "Nun ade, du mein l. Heimatland", wobei mich

    der Abschiedsschmerz beinah überwältigte. -

    Was für eine Aufgabe habe ich wohl in der Welt zu erfüllen?

    Ist Baufach oder Kunst ein Irrtum? Wenn es so ist,

    warum gibt mir das Schicksal von allem nur ein Wenig,

    so daß Zweifel in mir wach werden, u ich nicht hierhin

    noch dorthin zu greifen wage, ja sogar ins Dunkeln

    tappe nach einem Berufe, der mir vielleicht nicht zu-

    sagt u. mir nur dann genügt, wenn er mir viel

    Zeit läßt, damit ich meine Privatinteressen verfolgen

    kann? Und legt man sich nur auf Kunst, wer garan-

    tiert mir, daß sie nicht zum bloßen Broterwerb

    wird. Ebenso hinderlich ist ein Protektorat. - Kunst will Freiheit

    haben, ein unabhängiges Leben, um sich tüchtig ent-


  • January 1, 2020 20:53:55 Evelyn Weiser

    Seitenzählung 85R

    wenn es Männer sind, die du achtest, durch Gründe,

    weshalb sie sich täuschen.

    Das Urteil eines Feindes ist oft gerechter u. nützlicher

    als das eines Freundes. Der Haß der Menschen sitzt im-

    mer tiefer als die Liebe. Der Blick des Hassers ist durch-

    dringender als der des Liebenden. Ein wahrer Freund

    ist wie du selbst. Dein Feind ist dir nicht ähnlich - darin

    liegt seine Stärke. Der Haß erleuchtet vieles, was die Liebe

    verbirgt. Denke daran u. verachte nicht den Tadel deiner

    Feinde.

    Die Wahl eines Berufes hat mich schon oft verstimmt.

    23. Januar 1918.



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  • 50.1676885||23.034996999999976||

    Oleszyce, Polen

    ||1
Location(s)
  • Story location Oleszyce, Polen


ID
12595 / 144558
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Vera Choulant
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


January 9, 1918 – January 23, 1918
  • Deutsch

  • Eastern Front
  • Western Front

  • Artillery
  • Gas Warfare
  • Medical
  • Trench Life



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