Leutnant der Reserve Ernst Hartung vom Feldartillerie-Regiment 247, item 91

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Seitenzählung 81R

Hauptsache Brot u. Zucker.

Eingeklebte Briefmarke

- Eine Marke, die bei dem Russen als

Löhnung ausgezahlt wurde. - 

Ein Mann war heute nicht

erschienen, da er zum Soldatenrat nach

Dünaburg gefahren war u. spät nachts erst wieder-

kommen wollte. Morgen soll er wichtige Aufschlüsse

für seine Kompagnie mitbringen. - Betreffs Frieden,

ersehnen sie denselben ebenso herbei wie wir. Einer

meinte "Wir haben Frau u Kinder wie ihr, wozu das

gegenseitige Totschießen. Es führt doch zu nichts." Sie

werden überhaupt nicht wieder schießen. In den nächsten

Tagen werden sie abgelöst, dann wollen sie nicht wieder

an die Front, sondern nach Petersburg marschieren. Das

einzig Gute wäre, daß Kerenski auf der Peter-Paulsfestung

säße u. Lenin, ihr Freund, am Ruder sei. Ihren

Rgts-kommandeur haben sie abgesetzt u. einen Ltn.

an seine Stelle gewählt. Wenn der Komp.-führer einen

Befehl weiter schicken will muß er erst den Soldaten-

rat fragen. Es herrschen Zustände, die man garnicht


Eingelegtes Blatt, von anderer Hand beschrieben

S. 82/82R

"Auch der gestrige Soldatenrat scheint zu unseren

Gunsten abgelaufen zu sein. Denn heute vormittag

zeigten sich auch die uns bisher feindlich gesinnten

Russen auf der Kiefernhöhe und winkten mit

Tüchern und Mützen. Zurufe gingen hin- und

herüber. Einige kamen sogar am hellen, lichten

Tage an unsere Gräben. Richtige Schlagetots

waren es mit prächtigem und breitem

wuchtigem Körperwuchs, gegen die bei einem

etwaigen Überfall unsere Leute nicht hätten

aufkommen können. Sehr herzlich war die

Begrüßung am Drahtverhau. Auch von den

uns (nächste Seite) gegenüberliegenden Höhen

kamen sie herbei und brachten Seife und

Zucker mit. - Sehr übermütig waren die Russen

auf ihren Brüstungen, wo sie sich wie

Kinder herumbalgten und uns zuriefen

und winkten.

22.11.1917

Im Laufe des Tages kamen die Russen

in Scharen herüber mit Musik, sodaß

mehr Russen in unserer Stellung waren

als Deutsche. Es klingt beinahe wie ein

Märchen, aber es ist wirklich Wahrheit."

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Seitenzählung 81R

Hauptsache Brot u. Zucker.

Eingeklebte Briefmarke

- Eine Marke, die bei dem Russen als

Löhnung ausgezahlt wurde. - 

Ein Mann war heute nicht

erschienen, da er zum Soldatenrat nach

Dünaburg gefahren war u. spät nachts erst wieder-

kommen wollte. Morgen soll er wichtige Aufschlüsse

für seine Kompagnie mitbringen. - Betreffs Frieden,

ersehnen sie denselben ebenso herbei wie wir. Einer

meinte "Wir haben Frau u Kinder wie ihr, wozu das

gegenseitige Totschießen. Es führt doch zu nichts." Sie

werden überhaupt nicht wieder schießen. In den nächsten

Tagen werden sie abgelöst, dann wollen sie nicht wieder

an die Front, sondern nach Petersburg marschieren. Das

einzig Gute wäre, daß Kerenski auf der Peter-Paulsfestung

säße u. Lenin, ihr Freund, am Ruder sei. Ihren

Rgts-kommandeur haben sie abgesetzt u. einen Ltn.

an seine Stelle gewählt. Wenn der Komp.-führer einen

Befehl weiter schicken will muß er erst den Soldaten-

rat fragen. Es herrschen Zustände, die man garnicht


Eingelegtes Blatt, von anderer Hand beschrieben

S. 82/82R

"Auch der gestrige Soldatenrat scheint zu unseren

Gunsten abgelaufen zu sein. Denn heute vormittag

zeigten sich auch die uns bisher feindlich gesinnten

Russen auf der Kiefernhöhe und winkten mit

Tüchern und Mützen. Zurufe gingen hin- und

herüber. Einige kamen sogar am hellen, lichten

Tage an unsere Gräben. Richtige Schlagetots

waren es mit prächtigem und breitem

wuchtigem Körperwuchs, gegen die bei einem

etwaigen Überfall unsere Leute nicht hätten

aufkommen können. Sehr herzlich war die

Begrüßung am Drahtverhau. Auch von den

uns (nächste Seite) gegenüberliegenden Höhen

kamen sie herbei und brachten Seife und

Zucker mit. - Sehr übermütig waren die Russen

auf ihren Brüstungen, wo sie sich wie

Kinder herumbalgten und uns zuriefen

und winkten.

22.11.1917

Im Laufe des Tages kamen die Russen

in Scharen herüber mit Musik, sodaß

mehr Russen in unserer Stellung waren

als Deutsche. Es klingt beinahe wie ein

Märchen, aber es ist wirklich Wahrheit."


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  • January 1, 2020 19:35:38 Evelyn Weiser

    Seitenzählung 81R

    Hauptsache Brot u. Zucker.

    Eingeklebte Briefmarke

    - Eine Marke, die bei dem Russen als

    Löhnung ausgezahlt wurde. - 

    Ein Mann war heute nicht

    erschienen, da er zum Soldatenrat nach

    Dünaburg gefahren war u. spät nachts erst wieder-

    kommen wollte. Morgen soll er wichtige Aufschlüsse

    für seine Kompagnie mitbringen. - Betreffs Frieden,

    ersehnen sie denselben ebenso herbei wie wir. Einer

    meinte "Wir haben Frau u Kinder wie ihr, wozu das

    gegenseitige Totschießen. Es führt doch zu nichts." Sie

    werden überhaupt nicht wieder schießen. In den nächsten

    Tagen werden sie abgelöst, dann wollen sie nicht wieder

    an die Front, sondern nach Petersburg marschieren. Das

    einzig Gute wäre, daß Kerenski auf der Peter-Paulsfestung

    säße u. Lenin, ihr Freund, am Ruder sei. Ihren

    Rgts-kommandeur haben sie abgesetzt u. einen Ltn.

    an seine Stelle gewählt. Wenn der Komp.-führer einen

    Befehl weiter schicken will muß er erst den Soldaten-

    rat fragen. Es herrschen Zustände, die man garnicht


    Eingelegtes Blatt, von anderer Hand beschrieben

    S. 82/82R

    "Auch der gestrige Soldatenrat scheint zu unseren

    Gunsten abgelaufen zu sein. Denn heute vormittag

    zeigten sich auch die uns bisher feindlich gesinnten

    Russen auf der Kiefernhöhe und winkten mit

    Tüchern und Mützen. Zurufe gingen hin- und

    herüber. Einige kamen sogar am hellen, lichten

    Tage an unsere Gräben. Richtige Schlagetots

    waren es mit prächtigem und breitem

    wuchtigem Körperwuchs, gegen die bei einem

    etwaigen Überfall unsere Leute nicht hätten

    aufkommen können. Sehr herzlich war die

    Begrüßung am Drahtverhau. Auch von den

    uns (nächste Seite) gegenüberliegenden Höhen

    kamen sie herbei und brachten Seife und

    Zucker mit. - Sehr übermütig waren die Russen

    auf ihren Brüstungen, wo sie sich wie

    Kinder herumbalgten und uns zuriefen

    und winkten.

    22.11.1917

    Im Laufe des Tages kamen die Russen

    in Scharen herüber mit Musik, sodaß

    mehr Russen in unserer Stellung waren

    als Deutsche. Es klingt beinahe wie ein

    Märchen, aber es ist wirklich Wahrheit."


  • January 1, 2020 17:52:11 Evelyn Weiser

    Seitenzählung 81R

    Hauptsache Brot u. Zucker.

    Eingeklebte Briefmarke

    - Eine Marke, die bei dem Russen als

    Löhnung ausgezahlt wurde. - 

    Ein Mann war heute nicht

    erschienen, da er zum Soldatenrat nach

    Dimaburg gefahren war u. spät nachts erst wieder-

    kommen wollte. Morgen soll er wichtige Aufschlüsse

    für seine Kompagnie mitbringen. - Betreffs Frieden,

    ersehnen sie denselben ebenso herbei wie wir. Einer

    meinte "Wir haben Frau u Kinder wie ihr, wozu das

    gegenseitige Totschießen. Es führt doch zu nichts." Sie

    werden überhaupt nicht wieder schießen. In den nächsten

    Tagen werden sie abgelöst, dann wollen sie nicht wieder

    an die Front, sondern nach Petersburg marschieren. Das

    einzig Gute wäre, daß missing auf der Peter-Paulsfestung

    säße u. Lenin, ihr Freund, am Ruder sei. Ihren

    Rgts-kommandeur haben sie abgesetzt u. einen Ltn.

    an seine Stelle gewählt. Wenn der Komp.-führer einen

    Befehl weiter schicken will muß er erst den Soldaten-

    rat fragen. Es herrschen Zustände, die man garnicht


    Eingelegtes Blatt, von anderer Hand beschrieben

    S. 82/82R

    "Auch der gestrige Soldatenrat scheint zu unseren

    Gunsten abgelaufen zu sein. Denn heute vormittag

    zeigten sich auch die uns bisher feindlich gesinnten

    Russen auf der Kiefernhöhe und winkten mit

    Tüchern und Mützen. Zurufe gingen hin- und

    herüber. Einige kamen sogar am hellen, lichten

    Tage an unsere Gräben. Richtige Schlagetots

    waren es mit prächtigem und breitem

    wuchtigem Körperwuchs, gegen die bei einem

    etwaigen Überfall unsere Leute nicht hätten

    aufkommen können. Sehr herzlich war die

    Begrüßung am Drahtverhau. Auch von den

    uns (nächste Seite) gegenüberliegenden Höhen

    kamen sie herbei und brachten Seife und

    Zucker mit. - Sehr übermütig waren die Russen

    auf ihren Brüstungen, wo sie sich wie

    Kinder herumbalgten und uns zuriefen

    und winkten.

    22.11.1917

    Im Laufe des Tages kamen die Russen

    in Scharen herüber mit Musik, sodaß

    mehr Russen in unserer Stellung waren

    als Deutsche. Es klingt beinahe wie ein

    Märchen, aber es ist wirklich Wahrheit."


Description

Save description
  • 55.8958425||26.5372155||12||

    Daugavpils (Dünaburg)

  • 50.1676885||23.034996999999976||

    Oleszyce, Polen

    ||1
Location(s)
  • Story location Oleszyce, Polen
  • Document location Daugavpils (Dünaburg)


ID
12595 / 144553
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Vera Choulant
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


November 19, 1917 – November 22, 1917
  • Deutsch

  • Eastern Front
  • Western Front

  • Artillery
  • Gas Warfare
  • Medical
  • Trench Life



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