"Mein Lebensbericht" von Kurt Wilhelm Keßler, item 23

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                                                           - 41 -


Rollen und Dröhnen lag in der Luft und mit bangem Herzen dachten wir

an das Kommende, das uns bald mit in den Strudel reißen würde. Wir

bangten um unsre Kameraden, die wir in der Hölle wußten  und versuchten

durch Anrufe bei ihnen uns immer wieder ein Bild von der Lage

zu machen, so lange die Verbindungen bestanden. Dann erhielten wir

unseren Segen. Das Feuer wurde vorverlegt und Infanterie- und MG -

Feuer knatterten auf. Der Feind griff an, überrannte die spärlichen

übrig gebliebenen Widerstandsnester und nur der tapfere Gegenangriff

der allerletzten Reserven, konnte den Durchbruch im letzten Augenblick

verhindern und den Gegner zurückschlagen, trotzdem der auch

Gas eingesetzt hatte, das sich bei den Bulgaren, die zu leichtsinnig

ihre Gasmasken, meist in ruhigen Monaten, als unnütz weggeworfen

hatten . Es wirkte sich furchtbar aus. Die wenigen deutschen Truppen

hatten alle Last des Angriffs zu tragen.


Aber rechts von uns, jenseits der Lissa Gora, dem alten Frontgebiet

der Kämpfe von Monastir im Jahre 1916, war der Feind erfolgreich gewesen,

überrannte die Front und schnitt uns die einzige Bahnlinie

und damit den Rückweg nach Norden ab. Auch östlich, in der Gegend

von Rums, war er vorwärtsgekommen. Wir steckten in der Zange. Da

kam in der Nacht vom 21. auf 22.9 der Befehl, die Stellung zu räumen

und eine neue Widerstandslinie in der Belasica Planina, nordöstlich

von uns, zu beziehen. Wir deckten den Rückzug. Unbemerkt lösten wir

uns vom Feind. Auf der einzigen Paßstraße, die uns zur Verfügung stand,

wälzte sich in der hellen Mondnacht eine gespenstische Staubsäule

rückwärts. Was irgend möglich, wurde gesprengt, das vorderste Etappenlager,

Dedili, im Morgengrauen erreicht. Aber was sahen wir? Die

Helden der Etappe hatten die großen Lager bereits angezündet. Riesige

Rauchsäulen stiegen zum Himmel. Die Munitionslager flogen Bunker

um Bunker in die Luft, unsere Rückzugsstaße dabei mit Granaten überdeckend.

Dann gingen wieder mit Prasseln Infanterie- und Signalmunition

in die Höhe, ein Hexenkessel und unmöglich, es zu beschreiben.


Dem Gegner blieben die riesigen Rauchsäulen nicht unbemerkt und bald

erschien der erste Aufklärungsflieger. Wir ahnten schon, was nun

folgen würde. Kaum eine Stunde später lagen wir im Inferno eines

Fliegerangriffs. Wiederum hatte ich Glück, der Hauptsegen entlud

sich vor und hinter mir und richtete Furchtbares an, Der steile

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Rollen und Dröhnen lag in der Luft und mit bangem Herzen dachten wir

an das Kommende, das uns bald mit in den Strudel reißen würde. Wir

bangten um unsre Kameraden, die wir in der Hölle wußten  und versuchten

durch Anrufe bei ihnen uns immer wieder ein Bild von der Lage

zu machen, so lange die Verbindungen bestanden. Dann erhielten wir

unseren Segen. Das Feuer wurde vorverlegt und Infanterie- und MG -

Feuer knatterten auf. Der Feind griff an, überrannte die spärlichen

übrig gebliebenen Widerstandsnester und nur der tapfere Gegenangriff

der allerletzten Reserven, konnte den Durchbruch im letzten Augenblick

verhindern und den Gegner zurückschlagen, trotzdem der auch

Gas eingesetzt hatte, das sich bei den Bulgaren, die zu leichtsinnig

ihre Gasmasken, meist in ruhigen Monaten, als unnütz weggeworfen

hatten . Es wirkte sich furchtbar aus. Die wenigen deutschen Truppen

hatten alle Last des Angriffs zu tragen.


Aber rechts von uns, jenseits der Lissa Gora, dem alten Frontgebiet

der Kämpfe von Monastir im Jahre 1916, war der Feind erfolgreich gewesen,

überrannte die Front und schnitt uns die einzige Bahnlinie

und damit den Rückweg nach Norden ab. Auch östlich, in der Gegend

von Rums, war er vorwärtsgekommen. Wir steckten in der Zange. Da

kam in der Nacht vom 21. auf 22.9 der Befehl, die Stellung zu räumen

und eine neue Widerstandslinie in der Belasica Planina, nordöstlich

von uns, zu beziehen. Wir deckten den Rückzug. Unbemerkt lösten wir

uns vom Feind. Auf der einzigen Paßstraße, die uns zur Verfügung stand,

wälzte sich in der hellen Mondnacht eine gespenstische Staubsäule

rückwärts. Was irgend möglich, wurde gesprengt, das vorderste Etappenlager,

Dedili, im Morgengrauen erreicht. Aber was sahen wir? Die

Helden der Etappe hatten die großen Lager bereits angezündet. Riesige

Rauchsäulen stiegen zum Himmel. Die Munitionslager flogen Bunker

um Bunker in die Luft, unsere Rückzugsstaße dabei mit Granaten überdeckend.

Dann gingen wieder mit Prasseln Infanterie- und Signalmunition

in die Höhe, ein Hexenkessel und unmöglich, es zu beschreiben.


Dem Gegner blieben die riesigen Rauchsäulen nicht unbemerkt und bald

erschien der erste Aufklärungsflieger. Wir ahnten schon, was nun

folgen würde. Kaum eine Stunde später lagen wir im Inferno eines

Fliegerangriffs. Wiederum hatte ich Glück, der Hauptsegen entlud

sich vor und hinter mir und richtete Furchtbares an, Der steile


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  • March 23, 2019 22:57:08 Ralf Pier

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    Rollen und Dröhnen lag in der Luft und mit bangem Herzen dachten wir

    an das Kommende, das uns bald mit in den Strudel reißen würde. Wir

    bangten um unsre Kameraden, die wir in der Hölle wußten  und versuchten

    durch Anrufe bei ihnen uns immer wieder ein Bild von der Lage

    zu machen, so lange die Verbindungen bestanden. Dann erhielten wir

    unseren Segen. Das Feuer wurde vorverlegt und Infanterie- und MG -

    Feuer knatterten auf. Der Feind griff an, überrannte die spärlichen

    übrig gebliebenen Widerstandsnester und nur der tapfere Gegenangriff

    der allerletzten Reserven, konnte den Durchbruch im letzten Augenblick

    verhindern und den Gegner zurückschlagen, trotzdem der auch

    Gas eingesetzt hatte, das sich bei den Bulgaren, die zu leichtsinnig

    ihre Gasmasken, meist in ruhigen Monaten, als unnütz weggeworfen

    hatten . Es wirkte sich furchtbar aus. Die wenigen deutschen Truppen

    hatten alle Last des Angriffs zu tragen.


    Aber rechts von uns, jenseits der Lissa Gora, dem alten Frontgebiet

    der Kämpfe von Monastir im Jahre 1916, war der Feind erfolgreich gewesen,

    überrannte die Front und schnitt uns die einzige Bahnlinie

    und damit den Rückweg nach Norden ab. Auch östlich, in der Gegend

    von Rums, war er vorwärtsgekommen. Wir steckten in der Zange. Da

    kam in der Nacht vom 21. auf 22.9 der Befehl, die Stellung zu räumen

    und eine neue Widerstandslinie in der Belasica Planina, nordöstlich

    von uns, zu beziehen. Wir deckten den Rückzug. Unbemerkt lösten wir

    uns vom Feind. Auf der einzigen Paßstraße, die uns zur Verfügung stand,

    wälzte sich in der hellen Mondnacht eine gespenstische Staubsäule

    rückwärts. Was irgend möglich, wurde gesprengt, das vorderste Etappenlager,

    Dedili, im Morgengrauen erreicht. Aber was sahen wir? Die

    Helden der Etappe hatten die großen Lager bereits angezündet. Riesige

    Rauchsäulen stiegen zum Himmel. Die Munitionslager flogen Bunker

    um Bunker in die Luft, unsere Rückzugsstaße dabei mit Granaten überdeckend.

    Dann gingen wieder mit Prasseln Infanterie- und Signalmunition

    in die Höhe, ein Hexenkessel und unmöglich, es zu beschreiben.


    Dem Gegner blieben die riesigen Rauchsäulen nicht unbemerkt und bald

    erschien der erste Aufklärungsflieger. Wir ahnten schon, was nun

    folgen würde. Kaum eine Stunde später lagen wir im Inferno eines

    Fliegerangriffs. Wiederum hatte ich Glück, der Hauptsegen entlud

    sich vor und hinter mir und richtete Furchtbares an, Der steile


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  • 44.6664036||20.9331095||

    Smederevo, Serbien

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12545 / 171873
Source
http://europeana1914-1918.eu/...
Contributor
Christine Sörje
License
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


1918 – September 22, 1918
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